I. momentum ein Name, ein Konzept
momentum ist ein Fachbegriff aus der Tanzform Contactimprovisation, der den Moment beschreibt, bei dem ein Richtungswechsel, ein neuer Impuls, eine neue Dynamik im Tanz entsteht; sozusagen ein kleiner Moment mit großer Wirkung.
Die Gruppe momentum möchte sich in diesem Sinne als Impuls in der Tanz-Theater- Landschaft verstanden wissen, indem sie die Klarheit choreografischer Arbeit mit der Lebendigkeit und Authentizität von Improvisation kombiniert.
momentum ist es ein besonderes Anliegen, Improvisation als eigenständige Kunstform zu etablieren, bei der das künstlerische Können darin besteht, in jedem Augenblick so präsent wie möglich zu sein, spontan und kreativ agieren zu können. Sekunde für Sekunde wird versucht, den Moment so vollständig wie möglich zu erfassen, d.h. z.B. in Bezug auf die Beziehung zu den eigenen Mitgliedern, dem Raum, der Dynamik, den Zuschauerreaktionen, der Musik und vieles, vieles mehr. Die Aufführungen von momentum leben vom Geschehen im Augenblick, wobei die jeweilige Thematik das Stück als roten Faden durchzieht und auch choreographierte Sequenzen darin keinen Bruch darstellen. Die Spannung nie zu wissen, was als nächstes kommt, überträgt sich auf das Publikum und macht es zu direkt am Geschehen Beteiligte, die Höhen und Tiefen genauso mittragen wie die Darbieter. Die Musiker folgen dem gleichen Prinzip, sodass es eine Kommunikation und Wechselbeziehung zwischen TänzerInnen, Musikern und Zuschauern gibt, der den Aufführungen ihren charakteristischen und lebendigen Reiz verleiht.
Dass dies nicht nur eine künstlerische Idee ist, sondern Qualitäten, die in unserem Lebensalltag immer mehr gefordert sind, bestätigt uns in dieser Form künstlerischer Umsetzung.
In jedem Moment (momentum) ein neues Suchen und Finden - ein Spiel mit dem Unvorhersehbaren.
317 Fälle Juni / November 1999

Nichts ist vorhersehbar beim Familientreffen
Die Tanz-Gruppe „ Momentum“ begeisterte mit neuen Kontakt -Improvisationen in der Kulturfabrik
HILDESHEIM. Drangvolle Enge herrschte im kleinen Saal der Kulturfabrik, denn alle wollten sie sehen: die neuen Folgen im Familienepos der Hildesheimer Contact-Tanz-Familie. Der Erfolg der letzten Episode im vergangenen Sommer - ,,317 Fälle" - hatte sich offenbar herumgesprochen, und so blieb etlichen Fans nur die frustrierte Rückkehr an den heimischen Fernsehapparat.
Die, die hineingelangt waren, sahen sich zunächst einem vertrauten Bild gegenüber: Da saßen die fünf Tänzer zwei Frauen und drei Männer - auf ihrem gemütlichen Brokat-Sofa und machten gute Miene zu schlechten Familienfotos. Irgendwann fällt einer fallobstgleich herunter, die erste Sequenz des inszenierten Familientreffens kann sich entfalten.
Wenn Contact-Tänzer aufeinander treffen, ist nichts vorhersehbar; Kaum ist ein Körperkontakt zwischen zwei Tanzenden aufgenommen, entwickelt dieser Berührungspunkt eine ungesteuerte Eigendynamik, die selbst für die Akteure überraschend sein kann.
Man rollt umeinander, liftet sich in die Höhe und fällt gemeinsam. Solche "Fälle" also bestimmten anfangs das Geschehen. Die Tänzer ließen der Schwerkraft ihren Lauf, machten die Bühne zu einer imaginären Kegelbahn voller- sich kugelnder Körper. Frage im spannungsgeladenen Publikum: Wer fällt über wen und wohin?
Und wieder ein Familiefoto, vereint auf dem Sofa. Dann fanden Zweier-Begegnungen statt, wie sie jeder von zu Hause kennt: Aggressive Fights, der Kampf um die Oberhand, das bedeutet bei Kontaktimprovisateuren viel Gespringe, Halt auf dem anderen zu finden, abzugleiten und selbst "Kletterbaum" sein.
Oft entstehen slapstickhaft Szenen, was durch die - gleichfalls improvisierte - Begleitmusik lautmalerisch unterstützt wird. Johnny Knoblauch an Klavier und Keyboard und Markus Neumann als Kontrabassist gehen noch aufmerksam durch alle Szenen mit, greifen Stimmungen auf und setzen hin und wieder eigene Impulse als Vorschlag an die Tanzenden.
Wie Spannung auch jenseits von Akrobatik und faszinierender Schnelligkeit entstehen kann, zeigten Barbara Pfundt und Merlin Konerding in einem idyllisch-ruhigen Duett.
Neumann kratzt verhalten am Steg seines Instruments, von Knoblauch kommt ein minimaler Elektrobeat, das Tanzpaar liegt in Embryo-Haltung am Boden.
Der Tempowechsel verlangt von den Zuschauern Konzentration, doch dann zieht die Dichte der langsam sichtbar werdenden Bewegungsqualitäten alle in ihren Bann.
Fließend überlassen die Tanzenden sich gegenseitig ihr Körpergewicht, tragen, werden getragen, spielen mit demrollenden Kontaktpunkt zwischen sich, der mal zur breiten Fläche, dann zum hauchfeinen Getaste mit der Fingerspitze wird. Immer ist ein weiterwandernder Impuls zu spüren.
"Momentum" heißt solch eine Kraftübertragung in der Physik, und nach ihr haben sich die Hildesheimer Tänzer pro-grammatisch benannt. Dass diese Form des Energieaustausches höchst bühnenwirksam sein kann, bewiesen erneut die Publikumsreaktionen. Überbordender Applaus. hy

„Springen, stolpern, Fallen, gefallen werden, Gefallen finden
... ist ein Motto für Contact-Improvisation, die Tanzform, die „momentum“ eindrucksvoll vorführt.... das Publikum, das immer wieder überrascht herauslacht, über unvorhergesehene, skurrile Begegnungen der bewegten Körper. Komik produziert die Gruppe mal mittels minimalistischer Bewegungen oder gar durch das Ausbleiben einer erwarteten Bewegung und dann wieder mit überschäumender Energie....
Kleine Anstöße ziehen Ketten von Bewegungen nach sich,.. Eine besondere Dynamik entwickelt „momentum“ dabei durch das Prinzip von Begegnung und Berührung. Das Ergebnis sind nicht nur sich umeinander windende und verknäulte Körper, sondern kleine Geschichten...
die Aufführung besticht durch die permanente Schieflage der Bewegung und der impulsiven Lust am Experiment mit der Schwerkraft. Die mitreißende Aufführung endet mit begeistertem Applaus des Publikums (Hildesheimer Allgemeine Zeitung 29.6.1999)
“.... UND WAS IST WENN.... Januar / November 2001
Kampf mit Papier
Experimentell: „Momentum“- Tanzabend gefällt in der Kulturfabrik

Ein eingespieltes Team: Szenen mit Begegnung von Körpern - mit und ohne Berührungen. DieGruppe "Momentum" in der Löseke-Kulturfabrik Foto: Hochschild
HILDESHEIM. Eine Frau - ein Buch. Ein Mann - ein Wirtschaftsmagazin. Er sieht sie an (sie ihn nicht) und beginnt, seine Zeitschrift auseinander zu nehmen. Seite für Seite legt er ihr zu Füßen. Sie tritt auf die Blätter, balanciert auf ihnen über unsichtbare Hindernisse, er baut ihr Brücken, Hürden aus Zeitschriftenseiten. Bis sie entdeckt, dass sie, statt sich zu verrenken, einfach auf ihn klettern . kann, um einen sicheren Standort zu finden.
Das Leben kann einfach sein. Und zugleich so kompliziert. "Momentum" , die Tanztheatergruppe um den Ballettchef des Stadttheaters, Ralf Jaroschinsky, improvisiert Szenen zur Begegnung von Körpern. Mit und ohne Berührungen, selten mit Worten. Die Tänzer arbeiten seit langem zusammen; ein spürbar eingespieltes Team.
Schon als die Besucher den Theatersaal der Löseke-Kulturfabrik an dem Premieren-Abend betreten, liegen die Körper der sechs Tänzer auf der Bühne und räkeln sich zu den - ebenso improvisierten - Schlagzeug-, Saxophon- und Kontrabassklängen dreier Musiker. Damit beginnt eine kurzweilige Stunde.
Meist paarweise tanzen die Künstler Geschichten. Eine der wenigen Requisiten ist eine breite Papierrolle - der Kampf einer Tänzerin mit dem meterlangem Papierfluss ist ein kleines Highlight des Abends. Durch das Programm zieht sich Natürlichkeit. Fast fühlt sich der Zuschauer, als beobachte er Proben des Ensembles. "Das ist Kian. Und Kian tanzt so ... Ungefähr!" Gegenseitig parodieren Ralf Jaroschinsky und Kian Pourian ihren Tanzstil- Gelächter.
Neben der musikalischen Untermalung dominiert der wunderbare Krach, den reißendes Papier erzeugt. Dazu Percussion mit Holzstäben auf dem Fußboden. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Die Tänzer springen durch den Raum, reiben sich aneinander, toben, rollen herum und wirken dabei wie junge Tiere beim Spiel oder Kampf. Die Klippe, in allzu experimentelle Gefilde abzugleiten, umschifft das Sextett gekonnt und lässt selbst bei weniger ambitionierten Tanzliebhabern den Wunsch zurück, sich auch mit solcher Leichtigkeit bewegen zu können.
Der Theatersaal der Löseke ist klein. Vorteil: Man kann ohne weiteres sein gesamtes Premierenpublikum einladen, gemeinsam auf einen ungewöhnlichen, abwechslungsreichen und gelungenen Abend anzustoßen. Prost. tak (Hildesheimer Allgemeine Zeitung 13.11.2001)."
ORTEN - April 2002

Gefühlt bis in die Zehen und Fingerspitzen
Tanzensemble „momentum“ improvisiert zum Thema „orten“
...Atmen. Barfüßiges Tasten. Ein erster Klang im Raum. Sich bewegen, sich wahrnehmen, sich berühren das ernste Spiel beginnt. Zwei Männer und eine Frau rutschen wechselnd in drei „Leerstellen“ hinein. Zu zweit, zu dritt nähern sie sich, stoßen sich ab, sind eins, dann allein....
Suchen, sehen, sich finden, das entbehrt auch manchmal nicht einer gewissen Komik, zumal wenn man die Sache von außen betrachtet. So endet nach einer atemberaubenden Zeit, einem langen Moment der lebendigen Kraftentfaltung, der Liebeskampf dreier, die sich sehnen, auf einer kargen Bank. Dort hocken sie wie die drei Spatzen aus Morgenstern dicht an dicht, erschöpft und etwas verwirrt beisammen.... Aus dem Dunkel tosender, erlösender Applaus. Hochästhetischer aber auch intimster Tanz..., realisiert von drei Persönlichkeiten,die sich nicht scheuen, auf natürliche, locker geführte Art ein Stück ihres jeweiligen befreiten Naturells an die Kunst abzugeben. Ihr Körpertanz des schier unerschöpflichen Aufeinandereingehens und Miteinanderumgehens in fließenden oder markanten, teil hochakrobatischen Bewegungen ust nie mechanistisch.
Gefühlt bis in die Fingerspitzen und Fußzehen tanzen sie in vollkommener Übereinstimmung mit den sie begleitenden Musikern, die immer wieder aufs Neue äußerst versiert und einfühlsam das Feuer schüren....“ (Hildesheimer Allgemeine Zeitung 13.April 2002) |