Contact Improvisation entstand Anfang der 70er Jahre in den USA, aus dem Wunsch heraus, sich von den Einschränkungen tradierter Tanzformen befreien zu wollen, die Reduzierung auf eine rein körperliche Ästhetik zu durchbrechen und den Menschen wieder in seiner Ganzheit zu begreifen. Dabei suchten Tänzer in verschiedenen asiatischen und brasilianischen Kampfkünsten nach einer mehr physiologischen Art der Bewegung und entwickelten die Tanzform des New Dance. Diese verbindet die Erkenntnisse aus alten und neuen Methoden, welche Körper und Geist als Einheit begreifen (wie z.B. Feldenkrais, Body-Mind-Centering, Yoga, Tai Chi) und integriert genauso deren Prinzipien von Energie, Wachhheit und Präsenz.

“Basierend auf dem aktuellen Wissen um Ganzheitlichkeit führt der Neue Tanz in die Organik und Struktur von Körper und Form, Raum und Zeit, Schwerkraft und Bewegung, Dynamik und Rhythmus, Hingabe und Grenzen ein” (Joachim Apel, Flyer 1999).
In dieser Bewegung des Suchens experimentierten die Begründer auch immer mehr damit, diese neu erkannten Prinzipien in den Tanz zu zweit einzubinden und entdeckten dabei eine ungeahnte Vielfalt an Möglichkeiten, dies war der Beginn von Contact Improvisation (im weiteren auch CI).

Ein sich ständig verlagender Körper-Kontakt-Punkt dient als gemeinsame Basis, von der aus die TänzerInnen mit ihrer Kraft spielen, sich aneinander bewegen und balancieren, übereinander springen und rollen, verschmelzen und sich wieder voneinander entfernen, sich mit überraschender Leichtigkeit hochheben, tragen oder in der Luft balancieren. Das Zusammenspiel zweier Körper verändert physikalische Gesetzmäßigkeiten wie z. B. den Einfluß der Schwerkraft und Fliehkraft, die Dynamik des Schwungs, Winkel- und Hebelverhältnisse u.ä., was den Tanzenden ein weites Feld des Experimentierens eröffnet und immer wieder Ungeahntes wie z.B. die Erfahrung eines Momentums erleben läßt. Das Momentum ist ein Fachbegriff in der CI und beschreibt den Moment, wo durch die Begegnung zweier Köper ein Richtungs- und Dynamikwechsel entsteht, der von keinem von beiden vorhergeplant werden konnte, die Tänzer also selber überrascht und sie von der Bewegung mitgerissen werden. Jede Bewegung entsteht aus der vorangegangenen, aus der Kommunikation der Körper, aus dem Spiel der Kräfte des Augenblicks.
Zur Beschäftigung mit dem Körper und der Entwicklung von Kontaktfähigkeit im Hinblick auf Dichte und Intensität, gehört weiterhin auch die Auseinandersetzung mit den eigenen (physischen wie psychischen) Grenzen, mit verbaler und nonverbaler Kommunikation mit dem Partner u.v.m.. All dies ermöglicht und erfordert ein wachsendes Bewußtsein des Tanzenden für sich selbst, den Moment, den Tanzpartner und alle anderen Komponenten im Raum.

Erlernen von Technik heißt hier u.a. anhand der Anantomie und Physiologie des Menschen eine tieferes Verständnis für die Funktionszusammenhänge des Körpers, die Bewegung und Berührung zu entwickeln, z.B. für Reiz, Impuls, Richtung, Bewegungsprinzipien usw.. Dies schärft die Sinne und die Lust an der Improvisation, der Gestaltung des Augenblicks.” (Joachim Apel)

So werden im Gegensatz zu anderen Tanzformen in der CI keine Schrittfolgen gelernt, sondern es geht viel mehr darum, mit den Bewegungsprinzipien der CI vertraut zu werden. Diese Grundtechniken sind z.B. Rollen, Gleiten, Kugeln, Fallen, Auffangen und Aufgefangen werden, zu lernen wie man Gewicht abgibt oder aufnimmt, den Boden in den Tanz miteinbezieht und mit möglichst wenig Muskelkraft effizient arbeitet,…etc. In dieser körperlichen Kommunikation ist alles drin, was zu zweit möglich ist, mal spielerisch, sanft, dynamisch, am Boden, etwas höher, fast, schwebend, kämpferisch. Je nachdem.

Es geht darum, wach zu werden für den Augenblick, Impulsen spontan zu folgen und sie gleichzeitig gestalterisch einsetzen zu können. Auf den Körper hören, während des Tanzes neue Ideen aufgreifen und weiterentwickeln und dabei nicht den Kontakt zu Mittänzern und Umwelt verlieren, schnell wechseln, agieren, reagieren, einander unterstützen, Neues und Unbekanntes entdecken, Muster über Bord werfen, sich selbst überraschen, Balanceakte wagen und noch vieles mehr.

Contact Improvisation bedeutet Spaß an der Bewegung, Wärme, Kontakt, Berührung, tollen wie junge Hunde, gleichzeitig wach und aufmerksam sein. CI ist Springen und Krabbeln, Hoch und Tief, Bewegung und Stille, sie ist verspielt und ernsthaft, ist Geben und Nehmen, Nähe und Distanz, Körper und Seele,… und noch viel mehr, was nicht in Worten auszudrücken ist und was es zu erleben gilt !

Was ist das Besondere an CI?

Wie im schwerelosen Raum erfährt der Tanzende unterschiedliche Perspektiven, bewegt sich nicht nur in einer Ebene über dem Boden, sondern auch kopfüber, horizontal, vertikal usw.
CI bezieht sich immer auf mindestens einen anderen Mittänzer. Dadurch, dass im Vorfeld nicht abgesprochen wird, was gemacht wird und beide Tänzer aufeinander hören müssen, ist CI eine Form purer und sehr intensiver Kommunikation zweier Körper.
Dies erfordert zum einen eine hohe Selbstverantwortlichkeit und Wahrnehmung des Eigenen, z.B. in Bezug darauf zu merken, was mir gut tut und was nicht, wo meine (körperlichen, emotionalen, mentalen) Grenzen sind, für mich einzustehen, für mich zu sorgen – und zum anderen eine erweiterte Aufmerksamkeit für „das Andere“, den Mittänzer, den Raum und in Performancesituationen eventuell auch für und zum Publikum.
Zusätzlich zum körperlichen Können und Bewegungsvermögen werden viele persönlich-soziale Fähigkeiten angesprochen wie z.B. sich auf Neues einlassen, offen sein für den Augenblick, nicht wollen sondern dabei sein, führen und folgen, mich vertreten und Grenzen (meine und andere) akzeptieren u.v.a.m..